Lieber Herr Siegert, 13.11.2019
bisweilen entstehen die besten Ideen per Zufall. Folge 44: Die Erfindung der Weihnachtskarte.

Es gibt Traditionen, die einfach nicht sterben wollen, aller modernen Technik zum Trotz. Oder vielleicht gerade deswegen?

Jahr für Jahr landen auf Schreibtischen und in Briefkästen Tausende von Weihnachtskarten, wahlweise bedruckt mit Weihnachtsbäumen, Nikoläusen oder mehr oder weniger geschmackvollen Familienfotos.

Und das, obwohl die meisten Menschen die Tradition offenbar nicht ausstehen können: Im Jahr 2015 sagten fast 70 Prozent der Deutschen, dass die Karten zu den nervigsten Dingen der Weihnachtszeit gehören – unbeliebter war es nur noch, Weihnachtsvideos in sozialen Medien zu teilen.

Liegt es vielleicht daran, dass die Karten eine Art sozialen Druck ausüben? So nach dem Motto: Wenn dieser Geschäftspartner oder jene Verwandte mir im vergangenen Jahr eine Karte geschickt hat, muss ich mich dann in diesem Jahr revanchieren? Wie soll ich das denn noch schaffen?

Was für eine hübsche Pointe: Denn Stress und Zeitnot waren erst dafür verantwortlich, dass die Weihnachtskarte überhaupt entstand.

Sir Henry Cole war ein viel beschäftigter Mann. Er war nicht nur der Gründungsdirektor des heutigen Victoria and Albert Museums und Initiator der ersten Weltausstellung im Londoner Hyde Park. Er schrieb unter dem Pseudonym Felix Summerly auch mehrere Bücher.

Verständlich, dass so jemand keine Zeit hat für so schnöde Tätigkeiten wie Karten zu entwerfen. Deshalb betrieb er im Jahr 1843 privates Outsourcing – und begründete damit eine Tradition, die noch heute fortwirkt.

In der Vorweihnachtszeit bat er einen befreundeten Illustrator namens John Callcott Horsley, ihm eine Weihnachtskarte zu entwerfen, die er an Freunde verschicken wollte.

Immerhin für die Grußzeile nahm Cole sich Zeit: "A Merry Christmas and a Happy New Year to You", sollte sie lauten. Als Motiv wählte Horsley eine Familie, die dem Betrachter zuprostete.

Als Cole die Karte sah, war er begeistert – so sehr, dass er gleich mal 1000 Exemplare drucken ließ. Nicht weil er so viele Freunde hatte, sondern weil er das kommerzielle Potenzial der Pappkartons ahnte. Und so verkaufte er sie für umgerechnet jeweils etwa 14 Cent.

Doch es dauerte nach Coles erster Karte noch etwa 20 Jahre, bis sich die Tradition in Großbritannien durchsetzte. Die Drucktechnik musste besser und die Post zuverlässiger werden.

Selbst die beste Idee braucht eben immer das richtige Timing.

Im Jahr 2001 wurde übrigens eine von Coles Weihnachtskarten versteigert – für umgerechnet 26.000 Euro.

Die nächsten Tage sollen für Sie ganz ohne Stress und Zeitnot dem Weihnachtsfest und Jahreswechsel gewidmet sein, deshalb geht auch dieser Newsletter nun in eine kurze Winterpause. Die nächste Folge gibt es am 8. Januar.

Ich wünsche Ihnen eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit! 🎄

Herzlich,


Miriam Meckel
Chefredakteurin WirtschaftsWoche

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