Bestsellerautor Harari über künstliche Intelligenz und freien Willen
 
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  Guten Tag,

könnte es sein, dass unsere Vorstellungen davon, wie Roboter und künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft verändern werden, völlig fehlgeleitet sind? Und dass das Bild, das heute in unseren Köpfen steckt, wenn wir an das Morgen denken, in Wahrheit eine Metapher für das Gestern ist?

Diese These vertrat der Historiker und Bestseller-Autor Noah Yuval Harari auf unserer Konferenz Morals & Machines in der vergangenen Woche. Bei der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der KI-Revolution gehe es in Wahrheit um unsere Verarbeitung der feministischen Revolution, sagte Harari in Berlin. "In populären Science-Fiction-Filmen und Romanen sieht der übliche Plot vor, dass sich die Maschine gegen ihren Schöpfer wendet. Oft sind diese Roboter weiblich", sagte Harari. Meist verliebe sich der Wissenschaftler irgendwann in die von ihm entwickelte Maschine – und die bringe ihn schließlich um. "Es geht nicht um Menschen, die sich vor Robotern fürchten – sondern um Männer, die Angst vor intelligenten Frauen haben." Hararis Fazit: Roboter brauchen kein Geschlecht.

Harari provoziert gerne und er tut dies charmanter als die meisten anderen Zukunftserklärer. Auf der Morals & Machines-Bühne sprachen wir auch über den freien Willen in Zeiten algorithmischer Assistenten. Harari stellte prompt in Frage, ob wir überhaupt einen solchen haben und proklamierte, dass der Glaube daran uns anfälliger für Manipulationen macht. "Wir betreten gerade die Ära, in der Menschen gehackt werden können. Und die Menschen, die man am leichtesten manipulieren kann, sind diejenigen, die sagen: Mich kann man nicht manipulieren", so Harari.

Warum das so sein soll und wie Harai zu sich selbst findet - wir haben das ganze Gespräch mit ihm für Dich zusammengefasst. Ich wünsche eine anregende Lektüre - auch mit unseren anderen Themen heute - und einen einsichtsreichen Sonntag.

Fragen oder Anregungen? Wir freuen uns auf Feedback.

Miriam Meckel
 
 
 
 
 
YUVAL HARARI IM INTERVIEW
 
 
 
 
  Herr Harari, Sie haben sich diese Woche mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen. Wie gut ist Deutschland vorbereitet auf eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz zum wesentlichen Treiber von Wirtschaft und Gesellschaft wird?
Noah Juval Harari: Künstliche Intelligenz ist zum politischen Mainstream geworden. Ganz anders als noch vor ein paar Jahren, als viele Politiker weltweit das Thema entweder ignoriert oder heruntergespielt haben. Es gibt allerdings Länder in Asien, die das Potenzial sehr viel früher erkannt haben. Das gilt insbesondere für China. Das Land leidet an einem Trauma, da es die industrielle Revolution verpasst hat. Diesmal will China die KI-Revolution anführen.

Müssen wir uns Sorgen machen wegen Chinas Führungsanspruch bei künstlicher Intelligenz?
Es bringt nichts, sich vor einzelnen Staaten zu fürchten. Worüber wir uns hingegen sehr wohl Sorgen machen müssen, ist, dass es keine globale Kooperation auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz gibt. Neue Technologien bergen zu Beginn wunderbare Verheißungen und furchtbare Gefahren. Und keine Nation der Welt hat auch nur die geringste Chance, alleine die Gefahren einzudämmen, die von künstlicher Intelligenz ausgehen.

Warum nicht?
Nehmen wir ein Beispiel: autonome Waffensysteme. Selbst wenn 90 Prozent aller Länder weltweit entscheiden würden, Killerroboter zu verbieten, bringt das nichts. Wenn nur ein paar wenige ausscheren, würde kein Land der Welt tatenlos zusehen, wie es zurückfällt. Der einzige Weg, autonome Waffensysteme zu verhindern, ist ein globales Verbot.
 
 
 
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ADAS EINBLICKE
 
 
 
 
 
Warum Glaube und Technologie oft zusammenhängen

China - nicht nur Harari beschäftigt das Land. Kaum eine Region wurde auf der Morals & Machines so oft erwähnt. Was aber, wenn das KI-Rennen, das China angefacht hat, gar kein moderner Machtkampf ist, sondern Chinas Technologiegläubigkeit kulturell bedingt ist? Und damit der Erfolg umso unausweichlicher?

Darauf deutet eine neue Studie des Beraters Accenture hin, die ada für Dich durchgeblättert hat. Darin haben die Accenture-Forscher über 500 Industrie-Unternehmen aus sechs verschiedenen Ländern befragt, unter anderem, wie stark sie an den Siegeszug der künstlichen Intelligenz glauben. Und siehe da: Die Chinesen sind regelrechte Gläubige. 91 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass die Technologie alle Produkte und Dienstleistungen in den kommenden Jahren durchdringen wird. Nur die Amerikaner glauben noch stärker an die Allmacht der KI (97 Prozent). In Deutschland ist der Glaube mit 51 Prozent am geringsten verbreitet (Frankreich 66 Prozent, Italien 60 Prozent). Und wer glaubt, der handelt: 64 Prozent der Befragten in China gaben an, bereit zu sein, “üppige Investitionen in ihre KI-Produkte” zu tätigen. Kein anderes Land zeigt sich so investitionswillig. In Deutschland würden nur 37 Prozent der Industrieunternehmen viel Geld in die Hand zu nehmen, um das Thema für sich voranzutreiben.

Damit setzt China an, sich in einer Art “virtuosem Kreislauf” immer höher von der Konkurrenz abzuheben, warnte Raghav Narsalay, Co-Autor der Studie, im Gespräch mit ada. Die Technologie verändere sich rasend schnell. Wer heute vorne ist, wird schneller immer besser: “Wenn es darum geht, an neue Technologien zu glauben, war China schon immer der Konkurrenz voraus. Das gilt von der Erfindung der Tinte bis zum Glauben an künstlich Intelligenz. Und ist das Land erstmal von dem eigenen Fortkommen durch Technik überzeugt, kennt es historisch kaum Hindernisse auf dem Weg nach vorne”, sagt Narsalay. Der Vorsprung sei also “kulturell bedingt” zu verstehen.

Und was machen wir Deutsche nun daraus? Wir sollten wohl möglichst schnell aus dem Lager der Zauderer in jenes der Zukunftsoptimisten wechseln - und mehr ausprobieren, wie es die Bundeskanzlerin auch forderte. Die Uhr tickt, ab jetzt zählen wir mit. Erster Volltreffer, den wir diese Woche gefunden haben: Die Commerzbank experimentiert mit KI, die künftig die Finanzberichte für ihre Analysten schreiben soll.
 
 
 
 
 
 
 
BURN TO LEARN
 
 
 
 
  Folge Deiner Leidenschaft - nicht

Wir haben uns bei ada vorgenommen, Dich für die Arbeit von morgen und übermorgen fit zu halten. Deshalb wird es in jedem ada-Brief dafür eine eigene Rubrik geben, wir nennen sie burn to learn. Der erste Tipp an Dich räumt auf mit einem Mantra, den die Tech-Branche besonders gerne jungen Talenten weitergibt: Folge Deiner Leidenschaft. Stanford-Professoren sind diesem Ratschlag nun nachgegangen. Und fanden heraus: Seiner Passion zu folgen, ist so ziemlich der schlechteste Tipp, den man jemandem geben kann. Es kommt auf etwas anderes an, um später erfolgreich zu sein.

Wer die HBO-Serie Silicon Valley kennt, weiß auch über Bertram Gilfoyle Bescheid. Gilfoyle ist einer der Hauptcharaktere, ein begnadeter Programmierer und jener, der immer am lautesten an seinen Kollegen in der legendärsten Startup-WG der TV-Geschichte herummotzt. Organisationspsychologe Adam Grant sagt, über Menschen wie Gilfoyle im Büro sollten wir uns besonders freuen und nicht über jene, die besonders freundlich sind. Denn die Gilfoyles dieser Welt geben den besten Input und Feedback. Weckst Du am Montag den Gilfoyle in Dir?

Noch etwas zum Thema Geschlecht und Geschäft: Frauen erhalten weit weniger Geld von Investoren, in den USA sind es laut einer Studie im Schnitt nur drei Prozent des gesamten Wagnisgeldes. Dumm nur, dass Frauen - das belegt eine neue Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group - mehr Umsatz damit generieren als Männer. Über einen Zeitraum von fünf Jahren erlösten Startups, die von Frauen gegründet wurden, zehn Prozent mehr Umsatz. Es ist weniger Geld, aber besser investiert.
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Das neue Tinder heißt Twitter
 
Twitter Dich in den Hafen der Ehe: ein neuer Algorithmus namens „Couplenet“ analysiert anhand von Tweets, welche Menschen zusammenpassen und ein ideales Paar bilden könnten. Der Algorithmus hat mit zwei Millionen Tweets trainiert und war danach besser im Beziehungsmanagement als andere Plattformen. Dafür könnte es einen guten Grund geben: Auf herkömmlichen Beziehungsanbahnungsseiten neigen die Bewerberinnen und Bewerber häufig dazu, sich ein bisschen toller zu machen, als sie sind. Wenn „Couplenet“ reale Twitter-Nachrichten untersucht, könnte ein Teil dieser Selbstverzerrung wegfallen und ein realistischeres Bild entstehen. Das beugt dann auch alsbaldiger Produktenttäuschung vor. „Wem folgen?“ ist bald also nicht mehr nur eine Frage der Vernetzung in sozialen Medien, sondern eine Antwort in Zweisamkeit. Unklar ist, wie man mit Mehrfachvorschlägen umgehen soll. Vielleicht ist Polyamorie auch nur ein anderes Wort für mehrere Follower haben.
 
 
 
 
 
WEITER WEG
 
 
 
 
 
DER "KI-WACHMANN" KOMMT
 
Schon einmal etwas von SenseTime gehört? Das Startup aus China ist gerade dabei, 650 Millionen US-Dollar von Investoren einzusammeln bei einer Bewertung von rund 4,5 Milliarden US-Dollar. In der Heimat gilt SenseTime als führend in der Gesichtserkennungstechnologie. Nun will SenseTime offenbar in die USA expandieren. Was einige Fragen aufwirft. Das Unternehmen arbeitet mit den chinesischen Polizeibehörden zusammen und liefert so Technologie mit zum wohl größten staatlichen Überwachungsprogramm der Menschheitsgeschichte, das nicht nur Verbrecher, sondern auch politisch Andersdenkende verfolgt.

Die Chinesen wollen ein Büro in den USA eröffnen, um nach neuen Talenten zu suchen. Mal sehen, ob das gelingt. Moral wird in der Tech-Szene schließlich gerade hoch gehalten: Mitarbeiter von Google haben das Unternehmen jüngst gezwungen, einen intern umstrittenen Vertrag mit dem Militär nicht zu erneuern. Dabei ging es um ein System, das Kampfziele erkennen sollte. Die Stadt Orlando in Florida will eine umstrittene Gesichtserkennungstechnologie von Amazon vorerst nicht weiter einsetzen. Dass manchen solchen Diensten, die kommerziell genutzt werden, jede Menge menschlicher Vorurteile einprogrammiert sind, zeigte die MIT-Wissenschaftlerin Joy Buolamwini uns bei Morals & Machines auf. Buolamwini warnt davor, diese mächtige Technologie einzusetzen, obwohl sie noch gar nicht ausgereift ist. In Japan ist das nicht angekommen. Dort hat ein großer Telekommunikationskonzern gerade den "KI Wachmann" erfunden - als Kamerasystem, das automatisch Ladendiebe erkennt. Schon rufen manche das Ende des Ladendiebstahls aus. SenseTime expandiert auch nach Japan.
 
 
 
 
 
ADA
AUTORINNEN UND AUTOREN
 
 
 
 
 
 
Miriam Meckel
 
 
Astrid
Maier
 
 
Sven
Prange
 
 
Milena Merten
 
 
Léa Steinacker
 
 
 
 
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