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Apple-Chef Tim Cook präsentiert sein neues Streaming-Angebot. Getty Images
 
 
  Guten Tag,

Es hätte besser laufen können diese Woche für Apple-Chef Tim Cook: Nachdem er seine künftigen Pläne zum Einstieg des Unternehmens in das Streaming-Geschäft präsentiert hatte, gab es für ihn viel Häme. Zu vage und zu luftig seien die Cook-Ankündigungen. Und überhaupt, mit den grandiosen Produktzaubereien von Vorgänger Steve Jobs habe das alles nun wirklich nichts mehr zu tun.

Wie immer lohnt es sich, etwas tiefer in die Materie einzusteigen. Cook hat ein Abo-Modell für TV-Streaming angekündigt, eines für Spiele und eines für Nachrichten. Preise und Verfügbarkeiten sind noch geheim - und doch ist der Apple-Chef damit geradewegs in die Zukunft unterwegs: In das Zeitalter, in dem der gesamte Handel auf Abo-Modelle umschwenken wird. Klingt verrückt? Es ist nur die konsequente Ableitung daraus, was passieren dürfte, wenn physische und digitale Welt immer mehr miteinander verschmelzen. Die Kund*innen wollen Convenience, nicht noch mehr Auswahl. Und nichts ist bequemer als ein Rundum-Abonnement. Amazon Prime hat es vorgemacht.

Scott Galloway, Marketing-Professor an der NYU und so etwas wie die Kassandra der Tech-Branche, sagte jüngst sogar voraus, dass selbst eine Marke wie Nike sich bald in einen Rundumversorger von Fitness-Angeboten verwandeln dürfte. Statt Hoodies und Sneakers gibt es vielleicht auch den passenden Ernährungsplan dazu. "Die Welt des Konsums beginnt, sich in eine geringe Anzahl von Mega-Marken oder Netzwerken zu verflüchtigen", prophezeite Galloway. Und in dieser würden sich Marken vor allem durch "rundels" gegen die Konkurrenz durchsetzen. "Rundles" - das steht für "recurring bundels", also wiederkehrende Abo-Pakete.

Ein Mega-Rundle für Fitness (vielleicht Nike), eines für Reisen (man nehme Airbnb), für Lebensmittel (Amazon lässt grüßen) und eines fürs Wohnen? Ikeas Digital-Chefin Barbara Martin Coppola sagte diese Woche im ada-Gespräch, sie können sich so eine Welt in Zukunft "absolut vorstellen" -  auch wenn Ikea in diese Richtung derzeit nichts zu verkünden habe. Dem Trend folgt sogar schon ein deutscher Mittelständler: Miele verwandelt sich mit der Tochter MChef immer mehr zum Rundumversorger. Mit dem neuen Luxus-Ofen gibt es auch Rezepte und Zutaten für die Gerichte dazu - vielleicht bald im rundle? Und wer sollte versuchen, zum Mega-Anbieter für Unterhaltung zu werden, wenn nicht Tim Cook mit Apple. Er ist nicht doof, sondern kann in die Zukunft sehen.  

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Eure Miriam
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Disrupting Köttbular

Sollten wir tun, wovor uns schon unsere Eltern immer gewarnt haben? Manchmal ist die Antwort sehr einfach: Unbedingt! ada-Reporterin Astrid Maier ist diese Woche in das Auto eines fremden Mannes eingestiegen - und hat dabei eine zukunftsweisende Entdeckung gemacht. Sie war auf Recherche zur Digitalisierung Ikeas (siehe oben) unterwegs, konnte aber die richtige Bushaltestelle am Bahnhof von Malmö nicht finden. Sie fragte einen Passanten. Der bot ihr an, sie mitzunehmen. Er sei Ikea-Mitarbeiter. Unsere Chefreporterin vertraute ihrer Menschenkenntnis  - und saß 15 Minuten später mit dem Ikea-Top-Management, das für Nachhaltigkeit und Ernährung beim größten Möbelhersteller der Welt zuständig ist, beim Mittagessen. Vor ihr auf dem Teller: Salat, den das Team gerade geerntet hatte. Aus einem Container, der seit Mittwoch vor der Ikea-Filiale in Malmö steht und in dem das Unternehmen Vertical Farming betreibt.

Urban Farming
Nun ist das Thema urbane Landwirtschaft nicht neu. Kund*innen von Edeka, Rewe oder Metro in Berlin kennen das schon: In Glasvitrinen wachsen in einigen Filialen unter LED-Licht und ohne Boden auf mehreren Etagen Salate und Kräuter wie von selbst in die Höhe. Ikea stellt aber vor allem Billy und Pax her. Am meisten beeindruckt war unsere Reporterin von den Ambitionen der Schweden. Geht das Vertical-Experiment auf, wollen sie bei Ikea Schritt für Schritt auf Urban Farming umstellen und eines Tages nicht nur den Salat und weiteres Gemüse für die eigenen Mitarbeiter vor Ort selbst züchten und ernten - sondern es auch zum Kauf in den Ikea-Läden anbieten. "Niemand hat in dem Geschäft die gesamte Rechnung durchgespielt. Wenn es so läuft, wie wir es uns erhoffen, dann werden wir Kosten für Transport oder Logistik so herunterfahren können, dass wir preislich mit konventionell gezüchtetem Salat konkurrieren werden", sagte die zuständige Managerin Catarina Englund. Und nahm einen Schluck vom alkoholfreien Champagner.

Ikea setzt dabei auf die Technologie des Startups Bonbio. Das setzt Essensreste ein, um daraus Nährstoffe für die Pflanzen in den künstlichen Farmen zu gewinnen. Das Verfahren heißt Circular Farming. Kommende Woche startet der Konzern einen solchen Piloten auch in Deutschland. Und noch eines erfuhr Astrid beim Improv-Business-Lunch: Ikea will nach und nach in seinen Restaurants auf Fleischersatz aus Pflanzen oder Proteinen umstellen. In sieben Ländern schon wird das Fleisch etwa in der Lasagne durch künstliches ersetzt. "Unsere Ambition ist es, eine ganze Bewegung in Gang zu setzen, hin zu einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Ernährung für unseren Planeten", sagte Englund.

Das ist natürlich schönste PR-Poesie. Ikea folgt dennoch einem Mega-Trend: Den Ernährungs-Bedürfnissen der Generation Fridays for Future. Und fängt an, wie ein Tech-Konzern zu denken: Der 76 Jahre alte Möbelbauer expandiert konsequent weiter in angrenzende Geschäftsfelder: Köttbular disrupted. Zurück zum Bahnhof fuhr Astrid dann aber mit dem Bus.
 
 
So funktioniert Circular Farming. Quelle: Ikea
 
 
 
 
 
BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
Es gibt ja noch Unternehmen, die den Nutzen von künstlicher Intelligenz in Frage stellen. Schuld daran ist nicht zuletzt, dass vielen KI-Projekten ein Hauch von Aktivismus anhaftet: Schnell mal die neue Technologie ausprobieren, damit der Chef oder die Chefin sieht, dass wir am Thema dran sind. Ob das KI-Projekt wirklich Sinn macht, interessiert erstmal nicht. Das wird zunehmend zum Problem für die deutsche Wirtschaft: In vielen Gesprächen mit Unternehmer*innen hören wir bei ada gerade heraus, dass in manchen Organisationen sich niemand mehr an KI-Projekte wagt, weil sie als Karriere-Killer gelten.

Dumm nur, dass jene, die es richtig machen, nicht nur effizientere Prozesse haben, sondern ganze Innovationsluftsprünge dank KI machen. Das Geheimnis: Man konzentriere sich bei der Implementierung einfach auf das Kerngeschäft, wo sofort ein Nutzen sichtbar wird. So geschehen bei McDonald's. Mit dem jüngsten Kauf des KI-Startups Dynamic Yield wird der Burgerbrater demnächst Kund*innen im Drive-Through personalisierte Menü-Angebote machen können. Diese werden etwa den aktuellen Verkehrsfluss auf den Straßen berücksichtigen, Gerichte, die gerade im Trend sind oder das Wetter. Pech für Wendy's oder Burger King.

KI versetzt nicht nur Unternehmer*innen, sondern sogar Wissenschaftler*innen in andere Sphären. So haben gerade Astronomen an der University of Texas in Zusammenarbeit mit Google und dem Einsatz von KI zwei neue Planeten entdeckt. Anne Dattilo, Studentin im Grundstudium, baute dafür einen Algorithmus, der Daten durchforstet und dabei nach Hinweisen sucht, die traditionelle Planet-Erkundungs-Methoden bisher vernachlässigt haben. Langfristig gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sie dank der KI noch viel mehr Planeten entdecken werden. Merke: Schuster bleib` bei deinen KI-Leisten, selbst wenn du damit in's Weltall spähst.

 
 
 
 
 
 
DIGITAL GOOD LIFE
 
 
 
 
 
Der KI-Stimmbruch
 
Eines der besonderen Merkmale des menschlichen Individuums ist die Stimme. Geschwister klingen manchmal zum Verwechseln, Lebenspartner*innen gewöhnen sich ähnliche Sprechweisen an, und doch bleibt jede Stimme einzigartig. Berühmte Stimmen, wie die von Martin Luther King oder Barack Obama werden zum Sound der Weltgeschichte. Kein Wunder, dass Forscher*innen versuchen, die individuelle Stimme mittels künstlicher Intelligenz nachzubauen. Das wäre was, wenn man künftig seine Liebesgrüße gleich von der KI authentisch vertonen lassen könnte, während man doch eigentlich schweigend beim Friseur sitzt. Und für unsere Branche, den Journalismus, wäre es ein großartiger Fortschritt, wenn Autor*innen ihre geschriebenen Artikel auch gesprochen in ihrer eigenen Stimme anbieten könnten, ohne dafür Stunden im Tonstudio oder vor dem Smartphone zu sitzen (mannigfaltige Versprecher inklusive).

Wir arbeiten bei ada gemeinsam mit Damian Borth, Professor für Artificial Intelligence and Machine Learning an der Universität St. Gallen, genau daran: Journalist*innen eine künstliche Stimme zu geben, die klingt, wie ihre eigene. Das Projekt wird vom Google Digital News Innovation Fund gefördert und heißt “Vocally Yours”. Der Weg zur artifiziellen Stimme ist allerdings lang. Das zeigt Modulate.ai, ein Startup in Cambridge, Massachusetts. Das Unternehmen bietet Stimmmodulation per künstlicher Intelligenz, mit der Frau wie Mann und jeder wie Barack Obama klingen kann. Das Ganze lässt sich auf der Website ausprobieren. Und ganz ehrlich: Bevor wir mit Barack Obama verwechselt werden, muss sich noch ein bisschen was tun. Yes, we can manipulate voice. Aber die Qualität ist noch lange nicht so, dass Verwechslungsgefahr zwischen der menschlichen und der künstlichen Stimme besteht.
 
 
 
 
 
ADA
AUTORINNEN UND AUTOREN
 
 
 
 
 
 
Miriam Meckel
 
 
Astrid
Maier
 
 
Sven Prange
 
 
Milena Merten
 
 
Léa Steinacker
 
 
 
 
 
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