Brief aus der Zukunft
 
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Google-Jägerin Margrethe Vestager                                                                                Quelle: Getty Images
 
 
  Guten Tag,

Politik ist ein vordergründiges Geschäft, bei dem hintergründig viel falsch laufen kann. Und für Digitalpolitik gilt das erst recht. Da ist vordergründig diese Woche einiges passiert: die Bundesregierung hat eine Strategie für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz vorgestellt, die EU-Kommission eine Milliarden-Strafe gegen Google verhängt und Microsoft-Präsident Brad Smith die Politik um neue Gesetze im Umgang mit Gesichtserkennungs-Software angefleht. Und hintergründig hat sich verändert: nahezu nichts. Das ist schade, weil durch ein wenig mehr fortschrittlichem Geist in allen drei Fragen sich wirklich Entscheidendes für eine fröhlichere Zukunft mit digitaler Technik erreichen lassen würde.

Nehmen wir das Beispiel Bundesregierung: Eine unüberschaubare Anzahl von Ministern hat nun also begonnen, eine Strategie für den Umgang Deutschlands mit Künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Weil, wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier feststellt, darin allein für die nächsten Jahren Werte über mindestens 32 Milliarden Euro schlummern. Das alles ist gut, wenn auch zu spät. Und doch nicht gut, weil vor allem zu kurz gedacht. Zwar sind Bewusstseinsschärfung, Forschungsförderung und die staatlich-privat vereinte Suche nach Geschäftsmodellen in dem Bereich alle wichtig. Nur: Zum einen bräuchten wir eine wirklich große Debatte darüber, was wir mit KI eigentlich erreichen wollen. Und vor allem: die Aufgabe ist so groß, dass wir besser sofort eine vereinte europäische KI-Initiative starten würden. So wie jetzt geplant tüfteln Deutschland, Frankreich und die anderen zunächst an eigenen Plänen, bevor diese dann zusammengeworfen werden. Moderne Politik sieht anders aus. Amerikaner und Chinesen freut es.

Dann wäre da der Fall Google: 4,2 Milliarden Euro Strafe soll der Konzern an die EU überweisen, weil er sein mobiles Betriebssystem Android unfair in den Markt gedrückt habe. Die Strafe ist einerseits angemessen angesichts der Arroganz, mit der Google den Europäern lange begegnete. Und andererseits hoffnungslos antiquiert. Zum einen kommt die EU-Kommission viel zu spät, den hohen Marktanteil für mobile Betriebssysteme wird die Strafe Google nicht mehr nehmen können. Zum anderen zeigt es, wie stumpf das Schwert Wettbewerbsrecht ist, wenn es unter der Prämisse analoger Wirtschaft angewandt wird. Denn im Markt für mobile Betriebssysteme hat Google mit Apple immerhin einen Konkurrenten. Im Markt für Soziale Medien dagegen ist Facebook Monopolist. Vom Wettbewerbsrecht kann der Konzern dennoch kaum angegriffen werden, weil der Markt für Meinungen, die dort „gehandelt“ werden“, schlicht bei Kartellwächtern nicht berücksichtigt wird.

Und Microsoft? Dass der Präsident des Konzerns nun nahezu um Gesetze fleht, um eine technologische Errungenschaft wie die Gesichtserkennung durch Software zu regulieren, ist ein Armutszeugnis für jede Form von Digitalpolitik. Wenn Politik sich immer erst mit digitalen Themen beschäftigt, wenn die offensichtliche Not Manager um Hilfe rufen lässt, werden wir wohl nie einen digitalen Raum bekommen, der auch nach gesellschaftlichen und nicht allein nach kapitalistischen Wünschen geformt ist.

Noch ist es immerhin nicht zu spät: Mit einer Ethik für Algorithmen, zeitgemäßem Markenschutz und einem Wettbewerbsrecht, das sämtliche digitalen Märkte berücksichtigt, bietet die digitale Realität der analogen Politik noch genug Gestaltungsspielraum. In diesem Licht darf man auch noch einmal das neue Papier der Bundesregierung zur Künstlichen Intelligenz Revue passieren lassen. Etwas weniger Prosa und etwas mehr politische Praxis wären da noch möglich.

Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt: Wir freuen uns auf Feedback!


Eure Miriam
 
 
 
 
 
THEMA
 
 
 
 
  Mehr Gründerinnen

Nur fünf Prozent aller deutschen Gründer im Tech-Sektor sind Frauen. Die Branche gilt als Männerdomäne, dabei war die erste Programmiererin weiblich: Ada Lovelace. Die Software-Pionierin ist nicht nur unsere Namensgeberin, auch ein Berliner Start-up-Förderprogramm hat sich nach ihr benannt: Der Ada Female Accelerator will die Gründerinnenquote erhöhen und hat deshalb 20 Frauen mit Unternehmertalent zu einem knapp dreiwöchigen, intensiven Sommercamp eingeladen. ada-Reporterin Milena hat geschaut, wie der Frauenmangel in der deutschen Gründerszene behoben werden könnte.
 
 
 
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BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
Hände weg von Social Media?

Wobei wir insgesamt in der Wirtschaft wären: Nicht nur bei Startups, in allen Unternehmen sind die entscheidenden Etagen der Wirtschaft zu wenig durchmischt. Die formidablen Kollegen von Quartz haben sich des Themas angenommen und ein ganzes Dossier darüber erstellt, wie Frauen in der Wirtschaft besser zur Geltung kommen könnten.

Was passiert, wenn zu viele Männer etwas zu sagen haben, zeigte eine neue Studie aus der vergangenen Woche: Viele Kanäle auf Youtube vermitteln Wissen zu Forschung und Technik. Für Frauen ist der Umgang auf der Plattform aber deutlich härter und demotivierender. Kein Wunder, dass sie der Branche nicht besonders euphorisch gegenüber stehen. Nicht nur deswegen lässt sich wohl sagen: Social Media Verzicht kann in manchen Fällen mittlerweile besser für die Karriere sein.

Derweil klettern nicht nur Frauen in den Hierarchien, wenn auch mühsam, hoch – sondern auch die Angst vor Job-Verlusten durch immer smartere Roboter. Die ist vor allem in Asien offenbar berechtigt. Laut einer neuen Studie werden vor allem Jobs in Asien durch Maschinelles Lernen demnächst ersetzt werden. Und zwar durch alle Hierarchien hindurch.

Ihr möchtet dennoch Karriere machen? Wir würden raten: Überlegt Euch das gut. Dieses Video jedenfalls zeigt, warum man als Chef*in „jeden Tag einen Schlag ins Gesicht“ kriegen kann.
 
 
Quelle: CNBC
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Sternen-Himmel
 
Wozu noch Horoskope? Was wollen wir in Zeiten der Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit des Lebens durch künstlich intelligente Algorithmen noch damit? Sollten die possierlichen Textchen zur besseren Bewältigung kommender Tage, Wochen oder gar Lebensjahre nicht längst zu den anachronistischen Überbleibseln aus Analogia gehören? Und doch, die Wahr- oder Falschsagung unserer Zukunft fasziniert weiter viele. Vielleicht möchte man ja gar nicht immer alles allzu genau wissen, sondern den Wünschen, Hoffnungen und metaphysischen Extrapolationen des wandernden Geistes eine Chance geben?

Für diejenigen, die auf dem Weg in den Urlaub steckenbleiben und nun in eine "Midflight Crisis" der Fremdsteuerung zu geraten drohen, seien ein paar horoskopische Hinweise für die zweite Weges-, Jahres- oder Lebenshälfte erlaubt: mehr “Serendipity of Life”. Bei aller Berechenbarkeit, wir sollten der Überraschung noch ein wenig Raum in den Gepäckfächern über unseren Köpfen lassen.

Haben wir dort nicht längst genug Ballast für die Odyssee unseres Lebens hineingestopft, als das noch irgendetwas zusätzlich hineinpassen könnte? Bitte verstaut die schweren Belastungen unverzüglich unter Euren Sitzen, weil sie im Laufe des Lebens verrutschen und ein Sicherheitsrisiko darstellen könnten. Man sieht sie dann auch nicht mehr so direkt ...

Fragen wir uns doch wieder einmal, ob wir unsere Liebsten in den vergangenen Tagen und Wochen eigentlich wie die Hon-Circle-Mitglieder unseres Lebens behandelt oder doch eher auf die billigen Plätze mit eingeschränkter Beinfreiheit verwiesen haben. Muss auch der Lebenspartner leiden, nur weil ich selbst mich endlos durch die First Class quälen musste, um dann doch nur in der Holzklasse mitfliegen zu dürfen? Oder hat er bereits ausgecheckt, ohne dass ich es überhaupt gemerkt habe?

Nicht jeder, der im Gang rumsteht, ist übrigens Steward oder Stewardess. Überlegt daher, bevor Ihr den Chef Eurer Holding nach einem Tomatensaft fragt. Erkundigt Euch erst nach dem Namen und der Berufung. Nur im Falle der Antwort “Pilot” solltet Ihr beginnen, Euch Sorgen zu machen. Denn dann flieget Ihr entweder ins Ungewisse oder habt einen Doppelgänger in der Steuerung Eures Lebens.

Fragt Ihr Euch gelegentlich: Sitze ich auf dem richtigen Platz? Darüber kann Euch nicht Euer Nachbar Auskunft geben, sondern das wisst nur Ihr selbst. Solltet Ihr Euch einmal auf einem Mittelplatz mit zwei nassen Armlehnen wiederfinden, so fragt Euch: Bin ich in die falsche Reihe gestolpert? Und gründet der Orientierungsverlust in etwas Existenziellem oder nur in den fünf Gläsern Weißwein, die ich vor Abflug getrunken habe? Im letzteren Falle vermeidet bitte den Blickkontakt mit den Nachbarn zur rechten und linken. Versucht trotz Eurer misslichen Sitzlage aus dem Fenster zu schauen. Wenn Ihr die Sterne seht, wird alles gut. Solange sie oben im Bild sind. Wir wünschen eine gute Reise durch den Sonntag und überhaupt.
 
 
 
 
 
WEITER WEG
 
 
 
 
 
Paradies für Gamer
 
Wer angesichts der mauen Aussichten als Chef, siehe oben, keine Lust mehr aufs Chef-Sein hat, kann ja auswandern: zum Beispiel nach Santa Marianita. Das liegt in Ecuador und bietet einem besonderen Soziotop besonders schöne Bedingungen: Gamern. Menschenkinder, die gerne und eifrig zocken. Warum das dort gut gelingt und welch faszinierende Welt sich dahinter verbirgt, haben die zauberhaften Kollegen von Polygon aufgeschrieben.
 
 
 
           
 
 
 
 
 
ADA
AUTORINNEN UND AUTOREN
 
 
 
 
 
 
Miriam Meckel
 
 
Astrid
Maier
 
 
Sven Prange
 
 
Milena Merten
 
 
Lea Steinacker
 
 
 
 
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