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Tübinger Nachfrager-Demokratie. Quelle: Stadt Tübingen
 
 
  Guten Tag,

es ist zugegeben schon einige Zeit her, dass der amerikanische Kolumnist Ben Thompson einige sehr unschöne Entwicklungen zu einer schönen Beobachtung zusammenfasste: Nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump, dem Votum für den Brexit und dem Siegeszug rechtspopulistischer Parteien in nahezu allen westlichen Ländern, zog Thompson eine Analogie zwischen Wirtschaft und Politik. Das demokratische System verschiebe sich gerade, angefeuert von den Möglichkeiten digitaler Kommunikation, von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt. Was das bedeutet, lässt sich derzeit im negativen in Großbritannien, wo man noch immer keinen Umgang mit dem nachfragebedingten Brexit gefunden hat, im konstruktiveren aber auch in Deutschland ganz konkret beobachten.

In Tübingen bekommen Einwohner*innen in diesen Tagen eine App auf ihr Smartphone gespielt. Diese ermöglicht es, über zuvor vom Kommunalparlament bestimmte Themen abzustimmen. Im ersten Versuch soll es um die Sanierung eines Schwimmbads gehen. Zwar ist das Votum  nicht bindend, dennoch tritt hier Demokratie in eine neue Phase. Stimmungen werden nicht mehr via Umfragen von außen in den Politbetrieb getragen sondern prägen ihn von innen. Entsprechend groß ist der Aufruhr. Der Chaos Computer Club bemängelt, dass die App von einem privaten Unternehmen entworfen wurde, und überhaupt digitale Stimmabgaben nicht sicher seien. Aber auch Direktdemokraten, etwa beim Verein Mehr Demokratie e.v., sind skeptisch.

Sie verweisen darauf, dass Demokratie eben keine möglichst effizient zu organisierende Abstimmungsökonomie sei, sondern ein Verfahren, in dem sich durch Diskurs Meinungen bilden, über die dann abgestimmt werde. Sie werfen ein Alternativmodell in den Ring und erproben im Laufe des Sommers einen Bürgerrat. Das Modell stammt aus Irland und schaffte dort einen Konsens zur Frage der Abtreibung. Das deutsche Modell soll Vorschläge zur Neuordnung unserer Demokratie erarbeiten. Per Los werden Menschen aus allen Schichten und Landesteilen ermittelt, die einen Rat bilden. Der hört in zwei Wochenendsitzungen Expert*innen und formuliert schließlich Vorschläge. Die werden dann ans Parlament übergeben.

Auch das Verfahren trägt der digital bedingten Machtverlagerung von Anbietern zu Nachfragern in der Demokratie Rechnung – aber es sieht diese Veränderungen als Mischung aus kulturellen und technologischen Herausforderungen. Egal, ob die durch Digitalisierung entstandenden Herausforderungen für das politische System nun durch Technologie oder doch eher durch kulturelle Anpassungen zu lösen sind – die Disruption der Demokratie hin zu einem Nachfragemarkt lässt sich jedenfalls auch konstruktiv bewältigen. Und das ist doch eine gute Nachricht.

Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt: Wir freuen uns auf Feedback!


Eure Miriam
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Jetzt kann der Robo auch mit Gefühl

Die Antwort auf die Frage, was den Mensch eigentlich einzigartig macht, ist mal wieder ein Stück kniffliger geworden. Bisher ist es ja so: Der Wettlauf zwischen Mensch und Maschine, wer über die meisten Fähigkeiten verfügt, gilt als eine der spannendsten Fragen der nahen Zukunft. Und nicht wenige sehen, zu recht, den Mensch insgesamt ein gehöriges Stück weit vorne. Doch zur Wahrheit gehört auch: In einigen Bereichen schmilzt der Vorsprung schon gehörig.

Einfache Kombinationsaufgaben lösen? Komplizierte Muster erkennen? Kann die Maschine schon. Mehr Wissen kann sie sowieso anhäufen. Der Roboter Sophia von Hansons Robotics ist zwar ziemlich dumm, hat dafür aber schon sehr schöne menschliche Haut. Und nun gibt es auch den ersten Roboter, der gefühlig greifen kann. Das galt bisher ebenfalls als Domäne des Menschen: Bewusstsein und Kraft so zu dosieren, dass ein schwerer Stein genauso gehoben werden kann, wie ein Baby oder ein rohes Ei – das galt wegen des komplizierten Zusammenspiels von Wissen, Bewusstsein, Gefühl und Kraft als nahezu unmöglich für Roboter. Am Massachusetts Institute of Technology hat genau das jetzt aber eine Maschine dennoch geschafft.

Ein Forschungsteam um Shuguang Li hat nun eine Maschine erschaffen, die einen Greifer hat, der mehr als das Hundertfache des eigenen Gewichts halten, sich dabei aber auch geschmeidig an unterschiedliche Formen anpassen kann. In einem vorab veröffentlichten Beitrag zur Robotikkonferenz ICRA beschreiben die Forscher ihre Technologie. Kern des ganzen sind saugnapfähnliche, weiche Greifer.

Das alles heißt nicht, dass der Mensch nicht weiter einen Vorsprung zur Maschine hat. Das heißt aber, dass der Mensch sich besser früher als später seiner Stärken gegenüber der Maschine vergewissert – und diese gezielt pflegt, fördert und ausbaut.
 
 
Sieht noch nicht aus wie eine Hand, funktioniert aber so. Quelle: DSpace@MIT
 
 
 
 
 
BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
Mein Körper gehört mir

„Werden wir jemals wieder Privatsphäre haben?“ lautete der Titel eines Vortrags auf der SXSW in Austin. Laura Moy, Juristin und Chefin des Georgetown Law Centers on Privacy and Technology, eröffnete ihr Panel mit den Worten: „Die Antwort ist Nein. Danke fürs Zuhören.“
Das war nicht nur ein spaßiger Einstieg in ein ernstes Thema, sondern auch die Quintessenz vieler Vorträge auf dem diesjährigen Digitalfestival. „Privacy is dead“, unkte Futuristin Amy Webb in ihrem Panel. Denn die Datensammelwut der Tech-Konzerne erobert nun auch Bereiche, die bislang nur uns gehörten: unsere Körper und unser Zuhause.

Die US-Einzelhandelskette Walmart etwa arbeitet an einem Einkaufswagen, der biometrische Daten erfassen soll. Sensoren am Griff sollen den Puls, die Körpertemperatur oder die Sauerstoffsättigung der Kund*innen erfassen. Die fadenscheinige Begründung: So könnten Mitarbeiter*innen schneller herausfinden, wer gerade Hilfe beim Einkaufen benötige. Das realistischere Szenario dürfte sein, dass ein Paar Schuhe, das beim Betrachten für Herzklopfen gesorgt hat, anschließend in sämtlichen Apps auf dem Smartphone beworben wird.

Amazon wiederum baut gemeinsam mit dem größten US-Hausbauer Lennar Smart Homes, in die standardmäßig der sprachgesteuerte Smart Assistant Alexa integriert ist. Bewohner*innen brauchen dank Spracherkennung keine Hausschlüssel mehr, können vom Rasensprenkler bis zur Heizung alles vom Sofa aus regulieren und Alexa bitten, das Popcorn in der Mikrowelle zu wärmen. Was den ein oder anderen Knopfdruck ersetzt, erzeugt für Amazon Daten, von denen der Konzern bislang nur träumen konnte: wann wir essen, schlafen, aufstehen, wer zu Besuch kommt oder wie lange wir Zähne putzen. Blöd nur, wenn Alexa aufgrund unserer Biodaten entscheidet, dass wir lieber eine Diät machen und auf das Popcorn verzichten sollten – willkommen im Smart Prison.

Je mehr Daten über unsere Körper und unser intimstes Privatleben erhoben werden, desto dringlicher sollten wir uns damit beschäftigen, wie die Unternehmen mit diesen Daten umgehen. Wie speichern sie sie, werden sie verschlüsselt, haben andere Zugriff darauf? Wem gehört unsere DNA und können wir sie schützen lassen? All das sind keine Fragen für Science-Fiction-Philosophen, sondern müssen diskutiert und reguliert werden. 21 US-Universitäten haben deshalb in dieser Woche angekündigt, Jurist*innen und Informatiker*innen in gemeinsamen „Public Interest Technology“-Kursen zusammenzubringen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für unsere Privatsphäre.
 
 
Video von Amy Webbs Auftritt in Austin.
 
 
 
 
 
DIGITAL GOOD LIFE
 
 
 
 
 
Gegen den Stress
 
Den Berliner*innen sagt man ja gerne einen gewissen Schlendrian nach. In Wirklichkeit aber ist Berlin die Hautpstadt des Stresses. Und das liegt daran, dass die Stadt in den vergangenen Jahren auch zur Digital-Hauptstadt Deutschlands wurde. Das glauben jedenfalls die Gründer des US-Startups Headspace. Die haben, um den Deutschland-Start ihrer Meditations-App zu promoten, einen Stress-Monitor erstellt. Ergebnis: Vor allem die Deutschen, die jünger als 45 sind, leiden unter mentalem Stress – und vor allem die Berliner*innen.

Das führt Headspace auf die digital bedingte Beschleunigung des Lebens zurück. Und verspricht, allerdings auch ganz digital, Abhilfe: „Wir wollen per Meditation helfen, dass das Smartphone wieder dem Menschen dient und nicht andersherum”, sagt Andy Puddicombe, Mitgründer von Headspace, der selbst zehn Jahre lang als Mönch in buddhistischen Klöstern Südostasiens gelebt hat. Für Rich Pierson, CEO und Mitgründer von Headspace, fiel die Entscheidung für Deutschland als ersten nicht-englischsprachigen Markt von Headspace daher nicht schwer: „Deutsch ist mit mehr als 90 Millionen Muttersprachlern die am meisten gesprochene Sprache Europas, weshalb Deutschland, Österreich und die Schweiz für uns selbstverständlich einen attraktiven Markt darstellen. Für uns ist es aber ebenso zentral, dass wir hier im Herzen Europas einen entscheidenden Schritt zur Erfüllung unserer Unternehmensmission, die Welt zu einem glücklicheren und gesünderen Ort zu machen, vollziehen können.“

Nun haben sich an der Formulierung, die Welt glücklicher machen zu wollen, schon manche amerikanischen Gründer verhoben. Und auch die Vorstellung, den grassierenden Digital-Stress durch eine weitere App lösen zu können, mutet ein wenig wie eine jener sinnlosen Diäten an, die seit Jahrzehnten wirkungslos in Frauenzeitschriften erscheinen. Und doch stellt sich, bei Betrachten der App, ein wohliges Gefühl ein. Wenigstens für den Moment. Zudem macht Puddicombe keinen Hehl daraus, dass es nur mit der App auch nicht getan ist: "Treiben Sie Sport, essen Sie vernünftig, schlafen Sie ausreichend - und bleiben Sie kreativ."
 
 
 
 
 
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