Der Brief aus der Zukunft
 
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  Guten Tag,

Nanu, war das jetzt das Erwachen des Europaparlaments in Sachen Digitalpolitik – oder nur eine sinnlose Lobbyschlacht? Die europäische Volksvertretung hat diese Woche nach langem hin und her eine Reform des Urheberrechts in Europa zunächst gestoppt. Die EU-Kommission wollte Suchmaschinen verpflichten, für sogenannte „Snippets“, also angerissene Nachrichten, zu bezahlen. Und sie wollte – der noch größere Knaller - Filter für Uploads einführen. Das ist ein bisschen so, als gäbe es bald wieder Wegezoll an den meistbefahrenen Kreuzungen. Und als wäre die Zensur im Internet ernsthaft eine Option. Nun ist es durchaus an der Zeit, dem monopolisierenden Geschäftsmodell der großen Plattformen etwas entgegenzusetzen. Aber über die richtigen Mittel lohnt es sich dann doch noch mal nachzudenken. Deshalb sollten wir das Ganze nicht gleich wertend betrachten: Es ist gut, dass endlich eine echte europäische Debatte über Digitalthemen beginnt. Vielleicht ist das ja ein Anfang (frau darf ja noch träumen).
Nötig wäre das. Denn Europas Digitalpolitik ist, nun ja, ausbaubar. So fordern Politiker hier zwar immer eine Kultur des Scheiterns, um endlich tragfähige Geschäftsmodelle rund um digitale Technologien zu entwickeln. Nur wenn es darum geht, das praktisch zu leben – da scheitert die Kultur des Scheiterns schon von Staats wegen. Und das liegt unter anderem an einer Spezies, die sonst eher selten Aufreger verspricht: staatliche Rechnungsprüfer. Darauf haben uns in den vergangenen Tagen Ann Mettler (Foto oben), Chefin des Think-Tanks der EU-Kommission, und Bundeskanzlerin Angela Merkel hingewiesen.

„Die Kultur des Scheiterns dort ist gleich null“, sagte Mettler mit Blick auf den Europäischen Rechnungshof. Und Merkel sagte mit Blick auf die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten für Innovation in den USA und Deutschland: „Wir müssen uns mit dem Bundesrechnungshof und dem Europäischen Rechnungshof darüber auseinandersetzen, dass nicht jede Investition gleich eine Erfolgsmeldung nach sich ziehen kann, sondern dass 90 oder 95 Prozent nicht erfolgreich sind, damit man eine große Erfindung hat.“

So gilt wohl auch für die Politik wie fürs echte Unternehmerleben: Kosten senken hat schon manches Unternehmen gerettet, aber noch keins gegründet. Und an anderer Stelle investiert die EU ja derzeit auch in Projekte, deren Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich unter 95 Prozent liegt: Etwa jenes, Migranten künftig einfach durch Grenzkontrollen von Europa fernhalten zu wollen. Insofern wäre es toll, wenn die Rechnungshöfe etwas mehr politischen Investitionswagemut bei Zukunftsideen zulassen würden und sich stattdessen strenger mit der Verschwendung politischen Kapitals durch schlechte Ideen beschäftigen würden.

Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt: Wir freuen uns auf Feedback!


Eure Miriam
 
 
 
 
 
EINBLICK
 
 
 
 
  Kreativ in drei Schritten

Adam Grant ist der Superstar unter den Managementberatern – und war schon immer ein Überflieger. Mit 28 wurde Grant zum jüngsten Professor an der Elite-Einrichtung Wharton School berufen. Seine Studenten wählten ihn acht Jahre in Folge zum beliebtesten Lehrer. Mit Büchern wie „Originals“ landet Grant fast jedes Jahr einen Beststeller, sein Podcast „Work Life“ wurde sofort zum Hit. Mit ada-Chefreporterin Astrid Maier sprach Grant darüber, warum jeder kreativ ist und wie man seine Vorgesetzten davon überzeugt. Und Grant verriet ein paar Geheimnisse, wie er seinen eigenen Einfallsreichtum befeuert.
 
 
 
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BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
Beschäftige Dich mit KI – aber traue ihr nicht

Harley Davidson, Traum aller älteren Herren, Motorradbauer und derzeit als erster Verlierer (oder Sieger?) von Donald Trumps schräger Handelspolitik im Gespräch, ist vor allem auch als Easy Rider Richtung Zukunft unterwegs. So sieht es das Unternehmen jedenfalls und ist stolz auf seinen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Nur, ob das wirklich so zukunftsweisend ist? Stanford-Professorin Susan Athay warnt Unternehmer jedenfalls davor, Künstlicher Intelligenz blind zu folgen. Die Maschinen seien dank gut darin, Hunde von Katzen auf Bildern zu unterscheiden - nicht aber darin, komplexe Zusammenhänge zu lösen. Auf menschliche Erfahrung zu setzen, sei da viel besser.

Genau wie mit Künstlicher Intelligenz macht es im Umgang mit Social Media Sinn, sich zunächst Gedanken zu machen – und sich und sein Unternehmen dann rein zu stürzen. Das jedenfalls legt eine Studie ebenfalls von Stanford-Wissenschaftlern zum Thema Influencer im Marketing nahe. Sie sind dem Phänomen nachgegangen. Ihr überraschendes Urteil: Netzwerk-Cluster aufzubauen ist teuer und kompliziert. Das Streuen einer Botschaft dem Zufall zu überlassen dagegen meist effektiver.

Ob Susan Wojcicki das gerne hört? Die von ihr geführte Videoplattform Youtube lebt schließlich ganz gut davon. Allerdings natürlich auch von anderen Videoformaten. Warum wiederum Wojcicki selbst so gut von ihrem Können lebt? Könnte an ihrer Erziehung liegen. Denn nicht nur Susan, auch ihre Schwester Anne ist ziemlich erfolgreich, als Gründerin des Geno-Startup 23andme. Was die Eltern der beiden richtig gemacht haben, zeigt dieser Film.
 
 
 
  Wer es nicht nur auf Erziehung, sondern auch auf Bildung ankommen lassen will: Vielleicht mal in die Schweiz gucken. An sämtlichen Schweizer Gymnasien passiert nun, worüber Deutschlands Bildungspolitiker noch diskutieren: Informatik wird als Pflichtfach eingeführt.  
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Der Computer auf der Couch
 
Es war eine Frau, die 1966 Joseph Weizenbaums Vertrauen in die Computerzukunft einst erschütterte. Besser gesagt: Es war ein Computerprogramm mit einem Frauennamen: Eliza. Eliza tat so, als sei sie Psychotherapeutin. Das war gar nicht mal so gut. Aber die Gesprächspartner waren begeistert. Menschen sind nämlich sehr zugänglich für Selbstbestätigung. Und die bot das Therapieprogramm reichlicher und bedingungsloser als ein menschlicher Therapeut.
Eliza: „Es tut mir leid von ihnen zu hören, dass sie deprimiert sind.“
Person: „Das stimmt, ich bin unglücklich.“
Eliza: „Glauben sie, dass dieses Gespräch ihnen hilft, nicht mehr unglücklich zu sein?“
Person: „Ich brauche jedenfalls Hilfe, das steht fest.“
Wer in Zukunft Hilfe braucht, Mensch oder Maschine, diese Frage stellt sich plötzlich ganz anders. Wenn künstlich intelligente Maschinen dem Menschen ähnlicher werden, dann haben sie auch ähnliche Probleme. Forscher argumentieren nun, dass auch der Computer künftig auf die Couch muss, um gegen Zwangsneurosen oder Depression behandelt zu werden. Je intelligenter eine Software wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie – ganz menschlich – beginnt Schwächen zu psychologische Spielchen zu spielen, um an Belohnungen heranzukommen. Desto schneller lernt sie von den schlechten Manieren, die manche Menschen an den Tag legen. Und desto größer wird ihr Frust, wenn das Machine Learning mal langsamer vorangeht als vorhergesagt. Joseph Weizenbaum verwandelte sich nach der Erfahrung mit Eliza zum radikalen Kritiker der Computertechnologie. Werden wir zu radikalen Menschenkritikern, wenn die Software, die wir selbst erfunden haben, demnächst psychologische Hilfe braucht?
 
 
 
 
 
WEITER WEG
 
 
 
 
 
Politik unter Drogen
 
In den USA wiederum müssen nicht nur Computer auf die Couch, sondern auch Konsumenten der Politik von Präsident Donald Trump- So schien es zumindest diese Woche. Da beschlagnahmten die Behörden beschlagnahmten die Behörden haufenweise orangene Ecstasy-Pillen. Die hatten nicht nur die Gesichtsform und -farbe von Donald Trump, sondern trugen auch noch dessen Namenszug – offenbar der Versuch, einen bewusstseinsverzerrenden Ausstieg aus seiner Politik zu finden.
 
 
 
 
 
ADA
AUTORINNEN UND AUTOREN
 
 
 
 
 
 
Miriam Meckel
 
 
Astrid
Maier
 
 
Sven Prange
 
 
Milena Merten
 
 
Lea Steinacker
 
 
 
 
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