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Das ada-Team in Davos: Léa Steinacker (l.), Sven Prange und Miriam Meckel.
 
 
  Guten Tag,

wer in den vergangenen Tagen beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos weilte, schaute an der Promenade des Bergortes auf gleißenden Schnee, schwerbewaffnete Sicherheitskräfte, grelle Fassadenwerbung und erblickte die Zukunft des Internets. Da waren zum einen sehr viele provisorische Niederlassungen chinesischer Internetkonzerne. So Unterschiedliches dort besprochen wurde, so gleich war das Abbild nach außen: „By Invitation only“ stand an diesen Türen. Chinas Netzkonzerne verlängern die Abschottung, die sie aus dem chinesischen Internet gewohnt sind, ins analoge Leben.

Gleich daneben gab es eine ganze Reihe provisorischer Konzernniederlassungen, in die man geradezu hineingezogen wurde. An ihren Fassaden standen Namen wie „Facebook“, „Google“ oder „Palantir“. Doch so offen die Türen nach außen, so verschlossen waren die an sich freundlichen Menschen im Innern. Gesellschaftliche Verantwortung in Fake-News-Zeiten? Transparenz angesichts wachsender Datenberge? Fairer Wettbewerb statt (Daten-)Monopole? Auf diese schwierigen Fragen gab es so recht keine Antworten. „Schauen Sie auf Googles Mission Statement. Dann sehen Sie, dass es uns nicht um Größe geht, sondern darum, Teil von etwas Größerem zu sein,“ so Alphabets Finanzchefin Ruth Porat. Die Davoser Promenade ist manchmal auch ein großer Allgemeinplatz, auf der man das Offensichtliche immer und immer wiederholen kann (so eine andere Tech-Chefin). Es gab aber noch eine dritte Gruppe von Techkonzernen: Microsoft etwa, Salesforce, Apple oder auch SAP: Sie versuchten im Dialog mit Gesellschaft und Politik Antworten auf die immer stärker kritisierten Probleme des Netzkapitalismus zu finden.

Das Internet teile sich in einen staatskapitalistischen chinesischen und einen marktradikalen amerikanischen Teil, so heißt es oft. Doch die digitale Spaltung verläuft anders: zwischen einem offenen, kooperationswilligen und einem verschlossenen, an Eigeninteressen orientierten Teil. Zwar formulierten so viele Entscheider*innen wie nie in Davos die Notwendigkeit, das Netz und insbesondere Social Media künftig stärker zu regulieren. Aber wie? Das blieb im Vagen. Und das verwundert kaum. Mit der jetzt erlebten Entwicklung vollzöge das Netz nur nach, was die Politik vormacht: Auch dort stellten sich Teile Amerikas und Chinas während der Davoser Tage stumm und ließen die Probleme dieser Welt – Handelskrieg, Ungleichheit, Klimawandel – den anderen Weltteilen vor den Füßen liegen. Und da blieben sie dann auch liegen. Womit wir bei Europa wären. Den Europäern hätte sich eine Gelegenheit geboten. In Fragen der Netzwirtschaft hätte man sich dem konstruktiven Teil der US-Konzerne anschließen, in der Geopolitik eigene Akzente setzen können. Hätte.

Europa hätte etwa auf die Vorlage der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern eingehen können, die sagte: „Wenn wir eine Situation nicht verhindern, in der die Menschen sehen, dass die Wirtschaft laut der Zahlen wächst, aber sie davon nichts merken, entsteht die Art Vertrauenslücke, die wir in fast allen Gesellschaften sehen.“ Sie hätten mit Inhalte füllen können, was daraus folgt, wenn SAP-Chef Bill McDermott festhält: „Zwei Drittel der Gesellschaft da draußen haben Angst, ihren Arbeitsplatz an einen Roboter zu verlieren. Erzählen Sie diesen Menschen mal, dass sie Technologie lieben sollen. Viel Glück bei der Aufgabe!“ Oder wie gehen soll, was die amerikanisch-italienische Ökonomin Maria Mazzucato vorschlägt: „Es darf nicht länger sein, dass die Allgemeinheit Fortschritt finanziert, aber wenige Private profitieren.“ Oder sie hätten gemeinsam Antworten suchen können auf die Fragen, die der ehemalige indische Notenbank-Chef Raghuram Rajan stellt: „Warum bekommen die Profite der Digitalisierung nur die Großen? Wer hat die Macht im Netz– Konzerne oder Regierungen? Was passiert mit kleinen Ländern und kleinen Unternehmen, wenn Plattformen alles prägen?“

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte zwar Multilateralismus und ethische Leitplanken für Künstliche Intelligenz. Aber durch wen, wie und wann? Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte erwähnte das Technologie-Thema und die internationalen Großkrisen einfach erst gar nicht. An die Rede des spanischen Regierungschefs konnte sich schon Minuten später niemand mehr erinnern. Und der Rest Europas war erst gar nicht da. So blieb symptomatisch die Replik der Bundeskanzlerin auf die Frage, ob sie nächstes Jahr wieder als Regierungschefin in den Bergort komme: „Jetzt bin ich ja erst mal hier. Man soll ja auch mal zufrieden mit dem sein, was man hat.“


Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt: Wir freuen uns auf Feedback!


Eure Miriam
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Lachen für den Frieden

Digitale Transformation ist ja eher in zweiter Linie eine technologische Herausforderung und in erster Linie eine kulturelle. Letzteres verlangt von uns, tradierte Ansichten zu Gunsten neuer, potenziell besserer, nach hinten zu schieben. Eine dieser Ansichten lautet, dass das menschliche Miteinander am besten durch verbalen Austausch organisiert werden kann. Diese Ansicht jedenfalls vertritt Kofi Annan. Und wenn schon der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, dessen Einfluss vom Wort abhing, dies sagt, lohnt es sich, diesen Gedanken zu zulassen.

Annan jedenfalls hat ihn auch schon weiterentwickelt. In einer Welt, die durch die Entwicklung digitaler Medien immer bildlastiger wird, möchte er mit Hilfe des Bildes Probleme lösen. Und weil der Mensch nicht nur gerne Bilder schaut, sondern auch gerne lacht, hat Annan beides verbunden: zu Cartooning for Peace. Karikaturisten sollen so durch ihre Bilder zum Diskurs über die wichtigsten Probleme unserer Zeit animieren.
 
 
Quelle: Cartooning for Peace
 
 
 
 
 
BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
Der neue Krieg

Wenn Gestalter*innen aus Wirtschaft und Politik sich in den vergangenen Jahren in Davos trafen, dann waren die am häufigsten vertretenen Gäste Elefanten im Raum. Große Themen, die jede*r sah, aber niemand adressierte. Und einer der dicksten Elefanten hieß Cybersecurity. Dieses Jahr nun wurde aus dem Elefanten namens Cybersecurity ein echter Gast – ein Thema, das es aus der Nische in den Fokus schaffte. Das Weltwirtschaftsforum selbst hält es, hinter Umweltrisiken und vor allem dem Klimawandel (siehe Grafik), für das größte Problem der Weltwirtschaft dieser Tage.

„Der Schaden durch Cyberkriminalität beträgt derzeit 500 Milliarden Dollar pro Jahr. In zwei bis drei Jahren werden es bis zu drei Billionen Dollar sein“, sagt Walter Bohmayr, der bei der Beratung BCG das Thema weltweit verantwortet. „Mittelständische Unternehmen haben einen Investitionsbedarf von zehn bis 20 Millionen Euro im Jahr. Bei Konzernen können Sie eine null daran hängen.“ Wobei mehr Aufmerksamkeit für das Thema im Budget das eine, mehr Aufmerksamkeit in den Köpfen aber das andere ist.

Wer das Thema Cybersecurity verstehen will, muss zunächst einmal seinen Vorstellungen vom Begriff „Krieg“ neu definieren: Statt klar erklärt zwischen der staatlichen Konfliktpartei A und der staatlichen Konfliktpartei B kann ein Cyberwar sowohl zwischen Staaten, als auch zwischen Privaten, als auch zwischen Privat und Staat stattfinden. Er kann innerhalb klassischer Landesgrenzen toben, aber genauso außerhalb. Wie so oft in Zeiten der digitalen Transformation geht es also darum, Chaos und flexible Systeme zu managen. Das geht vor allem, wenn vorhandene Grenzen (in den Köpfen) fallen: Jene, die die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen verbieten (alleine wird ein Konzern auf Dauer nicht sicher gegen Cyberangriffe, wenn er seine Kompetenz mit anderen zusammentun kann, womöglich schon), aber auch jene, die Kooperation zwischen Staat und Privat verdammen. Und wenn wir schon dabei sind, diese Grenzen in den Köpfen zu öffnen, müssten wir dies vermutlich auch in den Gesetzen tun. Am Ende stände womöglich ein System, dass zwar keine absolute Sicherheit verspräche (endgültige Lösungen gibt es im Digitalzeitalter nicht mehr), aber Cyberwar-Resilienz: Die Fähigkeit, sich immer wieder auf diese Herausforderung einzustellen.
 
 
Quelle: WEF
 
 
 
 
 
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"Digitale Pioniere sind unsere einzige Chance"
 
Er ist der Macher der 'Die Höhle der Löwen', er ist Vordenker für Startup-Germany und sieht in den Ressourcen des 'Hinterlands' die Zukunft für Deutschland! Denn Frank Thelens Ansage ist klar: "Wir haben viele kluge Köpfe, aber leider viel zu wenig Kapital!" Wenn ihr Frank Thelen selbst treffen wollt - seid Teil der Hinterland of Things-Startupconference am 14. Februar in Bielefeld - powered by Founders Foundation! Hier geht es zum ganzen Interview.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
DIGITAL GOOD LIFE
 
 
 
 
 
Auf dem Zauberberg der gedanklichen Frischluft
 
Wer in Davos den Überblick behalten will, muss auf den Berg. Von 2.500 Metern Höhe sieht die Welt ganz anders aus. Auch die eigene. Jeweils vier Stunden lang konnte man sich täglich am WEF auf die Suche nach weniger Stress und mehr Glück machen. Und zwar das Glück, das keine Bedingung braucht. Der Mensch ist zum bedingungslosen Glück befähigt, hat ein Team aus US-Forscher*innen und dem tibetischen Lehrer Tsoknyi Rinpoche den Konferenzstressflüchtigen zu vermitteln versucht und manch eine*n damit gleich wieder unter Strom gesetzt. Was muss ich schaffen, um endlich bedingungslos glücklich zu sein? Das nennt man wohl einen Widerspruch in sich. Und wer ihn aufzulösen vermag, kann glücklich aus Davos abreisen, auch wenn manch ein Gespräch schiefging, das Essen zu teuer und der Schlaf flüchtig war.

Es gibt auch eine sehr ernste Seite des Themas: die rasante Zunahme psychischer Erkrankungen weltweit. Stress, wachsende Einsamkeit, die Angst, dem Wandel unserer Welt nicht gewachsen zu sein und das permanente „On“-sein gehören zu den Ursachen. Der seelische Zustand der Welt war ein erkennbar neues Thema am WEF. Léa und Miriam haben dazu den ersten Podcast unserer neuen Staffel gemacht.
 
 
 
           
 
 
 
 
 
ZUGABE
 
 
 
 
 
Digitaler Kaffeeklatsch
 
Nichts ist so analog wie unser Essen und Trinken. Und nach einer Woche Weltwirtschaftsforum Davos lässt sich ergänzen: Nichts ist künftig auch so digital. „Ich kann den Satz von der Digitalisierung von Food schon fast nicht mehr hören“, sagt Andrea Illy angesichts von unzähligen Initiativen und Diskussionen zu dem. Es ist Davos, Tag 4, und der italienische Kaffee-Dynast lässt sich an einem Esstisch nieder, um einen schnellen Fruchtsalat zu essen. „Und dennoch ist das Thema wichtig. Technologie ändert in unserem Geschäft alles. Außer die Qualität des Kaffees.“

Illy, der um 17.45 Uhr zwischen entkoffeiniertem Espresso und Grünem Tee zum Obst schwankt, hat große Pläne. Digital vernetzte GPS-Technik soll den Anbau des Kaffees weltweit nachhaltiger und zuverlässiger machen. Mit Hilfe der Digitalkommunikation Kaffeeautomaten aufrüsten. Und Big Data soll ihm dabei helfen, künftig individuelle Kaffeeröstungen für einzelne Kund*innen zu erstellen. Privatkaffee 4.0 so zu sagen. Nur trinken und essen, da ist sich Illy sicher, müssen wir das alles dann noch ganz analog.
 
 
 
 
 
ADA
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