Was die Französischen Revolution mit den Protesten im Valley zu tun hat
 
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Marie Antoinette im Film. Quelle: Giphy
 
 
  Guten Tag,

Was hat die Französische Revolution mit den Protesten der Mitarbeiter*innen in diesen Wochen bei den großen Tech-Konzernen im Silicon Valley zu tun? Die Menschheit bringt für wachsende Ungleichheit nur eine gewisse Toleranz mit. Wird eine Grenze überschritten, sind Aufbäumen, Aufstände und das mitunter auch gewaltsame Rütteln an den Machtverhältnissen unvermeidlich. Die Franzosen gingen ab 1789 auf die Straße, weil sie „liberté, egalité und fraternité“ als einzigen Weg erkannt hatten, wie die Gesellschaft zusammengehalten werden kann. Sie führten so die westliche Zivilisation auf einen neuen, wegweisenden Pfad der Geschichte. Von einem ähnlichen Wunsch sind derzeit auch die Tech-Angestellten bei Google oder Facebook getrieben.

Ihre Dienste und Plattformen, so wird zunehmend deutlich, tragen auch dazu bei, dass die Gesellschaft nach innen und außen stärker gespalten ist. Bei den Unternehmen selbst wird ein seltenes wie seltsames Machtgefälle immer offensichtlicher: Auf der einen Seite sind da die exzellent bezahlten Führungskräfte, ein Club der Milliardär*innen, der seine überbordenden Machtbefugnisse mit Stimm- und Anteilsrechten für die Ewigkeit zementiert hat. Und die zum Teil wenig Einsicht zeigen, an ihren eigenen Problemen selbst beteiligt zu sein. Sie sind auch nicht willig, zu weichen, wenn sie die Herausforderungen nicht in den Griff bekommen. Auf der anderen Seite stehen die einfachen Mitarbeiter*innen, die kaum Chancen darauf haben, Einfluss zu üben oder in der Hierarchie aufzusteigen, vor allem nicht wenn sie weiblich, schwarz oder sogar beides sind.

In nur drei Tagen organisierten die Google-Mitarbeiter*innen weltweit an 50 Standorten Proteste. 20 000 machten dabei mit. Übrigens auch Ruth Porat, Finanzchefin der Muttergesellschaft Alphabet, was zeigt: Zu jeder Regel gibt es Ausnahmen. Die Menschen gingen nicht nur gegen sexuelle Belästigung und gegen die Diskriminierung von Frauen auf die Straße. Sie marschierten auch gegen die Benachteiligung von Minderheiten und weil der Mutterkonzern Alphabet sich eine Heerschaar an schlecht bezahlten freien Mitarbeiter*innen hält. Im Podcast der Tech-Journalistin Kara Swisher bekommt dieser Unmut eine gut hörbare Stimme. Bei Facebook haben sie ein anderes Mittel des Protests gewählt. So viele Angestellte wie nie geben derzeit Einblicke aus dem Innenleben an die Presse weiter. So entstehen für die Führung demaskierende Artikel wie dieser hier der New York Times.

Ausgerechnet die Techies protestieren, weil sie seit jeher zu einer politisch korrekten Bewegung gehören? Es sind sie, die seit Jahren besonders nah erfahren, was Ungleichheit und Spaltung für eine Gesellschaft heute bedeuten: San Francisco beherbergt so viele Obdachlose wie noch nie. Auf der Schnellstraße nach Stanford, dem Ausbildungs-Zentrum des Valleys, campieren schon mal Wohnwagen in langen Reihen, in denen Angestellte wohnen, weil sie sich eine Wohnung in der Nähe nicht leisten können. Die Tech-Firmen aber stellen nach wie vor den Profit vor die Bereinigung und ihre Führungskräfte ducken sich weg. Mark Zuckerberg hat gerade in einem Interview gesagt, er habe aus der Zeitung von der PR-Firma erfahren, die im Auftrag seines Unternehmens Facebook Falschmeldungen in die Welt setzte, um Kritiker*innen zu diskreditieren. Er denke nicht daran, zurückzutreten.

Ich denke da ein wenig an Marie Antoinette. Auch eine Brioche kann einem mal im Hals stecken bleiben ...


Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt: Wir freuen uns auf Feedback!


Eure Miriam
 
 
 
 
 
SERENDIPITY
 
 
 
 
 
Die Micky Maus-KI

CariStyGan ist kein neuer Rap aus Südkorea. Sondern Teil eines Generative Adversarial Networks (GAN), mit dem sich aus Stand- und Videobildern Karikaturen zaubern lassen. Ein Student aus Stanford hat, zusammen mit Forschern der University of Hong Kong und von Microsoft Research in Peking, eine künstliche Intelligenz entwickelt, die mit tausenden von per Hand gezeichneter Karikaturen trainiert wurde. Und die funktioniert so: Ein erstes neuronales Netzwerk (CariGeoGAN) vermisst die geometrischen Formen eines Gesichts und überführt sie in ein Karikaturmodell. Das zweite neuronale Netzwerk (CariStyGAN) vollzieht das „künstlerische Finish“ in verschiedenen Stilarten. Jedes einzelne Frame in einem Video Donald Trumps kann so zur Karikatur werden (wozu man gelegentlich nicht mal eine KI braucht).

Eine Studie zur Akzeptanz der KI-Karikaturen bescheinigte den Forschern gute Arbeit: In fast einem Viertel der Fälle wurden die Karikaturen aus dem neuronalen Netzwerk besser bewertet als von Menschenhand gezeichnete. Übrigens kann die KI auch umgekehrt arbeiten: Aus einer Überzeichnung filtert sie dann das Gesicht der Person heraus, die ursprünglich Modell stand. Schwierig wird es erst, wenn zwischen Original und Überzeichnung eigentlich kein rechter Unterschied mehr festzustellen ist ...
 
 
Quelle: Nicole Gray
 
 
 
 
 
BURN TO LEARN
 
 
 
 
 
 
Passt auf ein Blatt Papier. Quelle: Karen Hao, MIT Technology Review
 
 
 
Ist das KI - oder kann das weg?

Vor zwei Wochen haben wir euch an dieser Stelle den KI-Moderator aus China vorgestellt. Der virtuelle Nachrichtensprecher der Agentur Xinhua hat seither weltweit Furore gemacht. Allerdings nörgeln schon manche im Netz, bei der Erfindung handle es sich gar nicht um eine KI-Anwendung. Der Bot spreche schließlich nur nach, was die menschlichen Moderator*innen ihm aufschreiben. Von künstlicher Intelligenz also keine Spur.

Die Diskussion führt geradewegs in eine existenzielle Frage: Was genau ist KI und ist immer auch KI drin, wo KI draufsteht? Viele Anwendungen, Start-ups und Unternehmen setzen sich einen KI-Stempel aufs Logo, weil das Thema derzeit nunmal angesagt ist, Aufmerksamkeit bringt und jede Menge Investorengeld anzieht. Mit künstlicher Intelligenz, also Algorithmen, die in riesigen Datenmengen Muster erkennen, um daraus Voraussagen zu treffen, hat vieles davon nichts zu tun. Was also ist zu halten von den vielen Angeboten, die derzeit auf Deinem Tisch landen und Dir sagenhafte Effizienzgewinne versprechen? Täte es vielleicht auch höhere Mathematik?

Eine Kollegin der MIT Technology Review hat glücklicherweise nun Abhilfe geschaffen. Sie hat ein reizend einfaches Diagramm auf ein Blatt Papier gezeichnet, das jede*r anwenden kann. Dort findet man: Wenn die Maschine zwar sehen kann, aber dabei nichts erkennt, ist es wohl nur eine Kamera. Und wenn ein Avatar Texte der staatlichen Agentur vorspricht, dann ist das nur Propaganda. Was die Steuererklärung auf dem Bierdeckel mal war, ist heute Karen Haos KI-Flowchart. Danke dafür.
 
 
 
 
 
 
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Digitaler Gesundheitspreis geht in die 2. Runde
 
Novartis Pharma und Sandoz Deutschland/Hexal suchen Innovatoren und Gründer mit nachhaltigen, digitalen Lösungen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Bis zum 30. November 2018 können Sie sich für den mit insgesamt 50.000 € dotierten Preis bewerben.
 
 
 
 
 
 
 
  Eine unabhängige Jury mit Vertretern aus dem Gesundheitswesen wird aus allen Bewerbern sieben Projekte für die Shortlist auswählen. Anschließend ermitteln die Experten die drei Preisträger.

Die Preisverleihung findet am 20.März 2019 in Berlin statt.

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Rettet die Bienen
 
Es ist die Hilfe zur Selbsthilfe, die uns die Bienen derzeit wieder näher bringt. Bienen sind nämlich für die Menschen überlebenswichtig. 1,4 Milliarden Arbeitsplätze in der globalen Landwirtschaftsproduktion hängen von ihnen ab, viel mehr aber: Drei Viertel der Nahrungsversorgung unserer Welt beginnt mit den Bienen und deren Bestäubung der Feldfrüchte. Durch Erderwärmung, Pestizide, Parasiten, elektromagnetische Strahlungen oder einem Mix aus allem zusammen haben sich die Bienenkolonien in einigen Teile der Erde drastisch reduziert, mancherorts gar halbiert. Welche Faktoren und in welcher Kombination genau das Bienensterben auslösen, ist allerdings noch nicht ganz klar.

Das World Bee Project und die IT-Firma Oracle haben sich daran gemacht, weltweit ein künstlich intelligentes Netzwerk von Bienenschwärmen aufzubauen. Damit erhoffen sie sich, bessere Einblicke in die Ursachen vom Bienensterben zu gewinnen. Dafür werden die Bienen mit Sensoren ausgestattet, die fleißig Daten sammeln: Bewegungsverläufe, Gewicht des Honigs, das Feuchtigkeitsklima des Schwarms und die Schwingungen im Schwarmgesumme. Über Machine Learning werden die Daten ausgewertet, um festzustellen, welche Faktoren das Schwarmverhalten der Bienen beeinflussen. Falsches Geschwärme kann nämlich gefährlich werden. Dabei verlieren die Bienen zuweilen die Hälfte ihrer Population und ihres Honigs. Auch für ein gutes Leben der Menschen mit bestäubten Feldpflanzen und einem Honigbrot wäre es toll, wenn man mit Hilfe der Machine Learning Daten vorhersehen könnte, wann man die Bienen vom falschen Luftweg abbringen muss. In diesem Projekt sind übrigens auch die Bienendaten auf der Blockchain. Nur so glauben die Forscher verhindern zu können, dass die Daten durcheinandergeraten.
 
 
 
 
Sensor-Biene. Quelle: CSIRO
 
 
 
 
 
PODCAST
 
 
 
 
 
Technokratie oder Freiheit?
 
Auch im Podcast diese Woche beschäftigen wir uns mit den globalen Auswirkungen der Silicon Valley-Ökonomie: Uber freut sich dort über Risikokapital vom saudischen Staatsfonds, Google entwickelt eigens für den chinesischen Markt eine zensierte Suchmaschine, Facebook dient russischen Troll-Fabriken: die großen Tech-Firmen fallen immer wieder durch Nähe zu autoritären Regimen auf. Das ist nicht nur ärgerlich – sondern offenbar im Geschäftsmodell Silicon Valley so angelegt. Was können wir tun, damit westlicher Liberalismus und technologischer Fortschritt sich nicht immer weiter entfremden? Unter anderem diese Frage diskutieren Miriam Meckel und Sven Prange in der letzten Podcast-Folge unserer zweiten Staffel.
 
 
 
           
 
 
 
 
 
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